Die Aufmerksamkeit der Behörden hatte V. auf sich gezogen, in dem er mehrere Bekennerschreiben versandte, zunächst eines an die taz und zwei Tage später ein weiteres an die Polizei selbst. Als Begründung für die Angriffe schrieb V. darin, dass Stromerzeugung in Kohlekraftwerken „ein Verbrechen“ sei, „das unsägliches Leid nach sich zieht“. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte deshalb zuletzt von mutmaßlichem „Klimaterrorismus“ eines Einzeltäters gesprochen.
Allerdings gibt es durchaus Zweifel an der alleinigen Täterschaft V.s genauso wie an seiner behaupteten Motivation. Expert*innen hatten es etwa als sehr ungewöhnlich bezeichnet, dass V. in dem Bekennerschreiben seinen Namen und seine Adresse nannte. Außerdem verwendete er auffällig wenige Wörter darauf, seine Angriffe zu rechtfertigen, wie es politisch motivierte Täter sonst fast immer tun. Und auch einzelne Formulierungen, wie etwa ein positiver Bezug auf „Recht und Ordnung“, passen nicht recht zu dem klimabewusst-linken Tatmotiv, dass V. sonst in dem Schreiben behauptet.
Mal angenommen, die Vermutungen und das Bekennerschreiben treffen zu…
Was man als frustrierter Klimaschützer einwenden kann gegen solche Sabotageaktionen:
- Anarchistisch-linke Gruppen, die sich der Anti-AKW-Bewegung zugehörig fühlten, verübten in den späten Achtzigern, frühen Neunzigern zahlreiche Anschläge auf Strommasten. Sie hatten sogar eine eigene Zeitung, mit dem Namen “radikal”. Genützt haben diese Aktivitäten nichts. Es wurde auch kaum darüber berichtet.
- Was aber den Atomausstieg massiv voran brachte, waren die Proteste gegen Castortransporte, und massenhafter ziviler Ungehorsam in Form von Waldbesetzungen, und Blockaden im Wendland. Es kam so um 2005 aufgrund der massiven Proteste und noch massiveren Polizeieinsätze zu einer breiten Diskussion darüber, ob eigentlich Politik und Gesellschaft das teure Hobby der AKW-Betreiber finanzieren sollten. Dazu kam das technisch-politische Desaster um das abgesoffene Endlager im Salzstock Asse II (mit sachlich vernichtenden Stellungnahmen von Experten - abgedruckt in der ZEIT) und, heute fast vergessen, die Kinderkrebsstudie, die ein erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern nachwies, die in der Nähe von Atomkraftwerken lebten - was weltweit seitdem immer wieder bestätigt wurde.
Die Ereignisse von Fukushima waren dann der Tropfen, der das eh volle Fass zum Überlaufen brachte.
Das heißt zusammengefasst, wenn man etwas bewegen will, braucht man publicity?
Die Regeln sind heute anders, weil du heute nicht mehr von großen Medien abhängig bist, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Das kannst du mit den Sozialen Medien alles selber machen. Großes Negativbeispiel ist die Afd.
Es kommt auch nicht mehr nur darauf an, wie die Aufmerksamkeit erzeugt wird, sondern wer sie verbreitet. Würdest du heute Castortransporte blockieren, so würde das nur von der Afd für Hetze missbraucht werden während Linke in ihren eigenen Bubbles darüber diskutieren.
TL;DR Publicity ist nicht alles, es zählt auch die Verbreitung und das richtige Framing.
Ohne eine fundierte und breite öffentliche Diskussion wird man nichts erreichen.
Warum? Weil - auch wenn wir viele technischen Schlüssel buchstäblich in den Händen halten - Klimaschutz auch tiefgreifende ökonomische und soziale Transformationen erfordert, Landwirtschaft und Autoindustrie sind da nur Bespiele. Die kann man (auch wenn die chinafreundliche AfD das freilich gern möchte) nicht einfach abwickeln. Ohne gesellschaftlichen Rückhalt werden diese Veränderungen ganz schwierig.
Deswegen ist auch die Leugnung des wirklichen Ausmaßes des Problems, das wir haben, durch die Regierung Merz so übel. Regierungen haben sehr viel Einfluss auf die Wahrnehmung von Realitäten . Ähnliches gilt für die Rolle von UN Gremien für die Benennung der Lage im Nahen und Mittleren Osten.
Woran das Ganze ja auch erinnert - und was es damit noch schräger macht, sind
- Der isländisch-ukrainische Film “Woman at War” (2018), dt. “Gegen den Strom”, wo eine Umweltaktivistin Kurzschlüsse in Hochspannungsleitungen verursacht. (Don’t try this at home, es ist absolut lebensgefährlich!!)
- Das Buch “Blackout” von Marc Elsberg, wo eine terroristische Hackergruppe mit Endzeitphilosophie mittels gehackten Smart Metern, sowie manipulierter Steuerungssoftware in Kraftwerken einen katastrophalen anhaltenden Blackout in Europa verursacht. Die Beschreibung des Sicherheitszustands der Kritischen Infrastruktur - und der Folgen ihres totalen Ausfalls - sind beide weit realistischer, als einem lieb sein kann.
Interessant ist auch “Das Ministerium für die Zukunft” von Kim Stanley Robinson. Dort geht es nicht um destabilisierenden Terrorismus, sondern absolut realistische katastrophale Klimaereignisse (ein sogenanntes Wet Bulb Event mit Millionen von Toten) und um ein folgendes Hauen und Stechen in den Institutionen. Aber man sollte sich davon nicht abschrecken lassen - es ist tatsächlich ein sehr hoffnungsvolles Buch.
Ich persönlich halte es in solchen Fragen eher mit Richard Buckminster Fuller. Er meinte, wer etwas verändern will, muss etwas Neues schaffen, nicht gegen Altes kämpfen. Ein absolut genialer und inspirierender Denker und Urheber eines holistischen und ökologischen wissenschaftlichen Denkens, dessen Lebensgeschichte mich tief berührt hat. Wenn ihr ein tolles Buchgeschenk sucht, absolute Empfehlung!
Ja, cooler Typ, er sagt auch wir wären alle Astronauten, diese Ausstellung habe ich damals besucht: https://www.architonic.com/de/s/ausstellung-"wir-sind-alle-astronauten"-universum-richard-buckminster-fuller/7000589
Blackout war ein mega gutes Buch. Sollte ich irgendwann mal nochmal lesen :)
Die Bedrohung durch unzureichend gesicherte SCADA-Systeme ist definitiv real. In den USA gab es neulich eine Welle von “Cyberangriffen” auf die Wasser- und Abwasserinfrastruktur.
Aus dem verlinkten Heise-Artikel:
[…] 2020 fanden Tester massive IT-Sicherheitslücken auch bei den Berliner Wasserbetrieben.
Thema doppelt: https://feddit.org/post/35165356
aber sehr relevante weitere Informationen dazu.







